Nordic Tourism Info

Tourismusinformationen über die nordischen Länder.

Mittsommer

Schwedens Fest des Lichts, des Grüns und der lebendigen Tradition

Auf dem Höhepunkt des nordischen Sommers beginnt in Schweden eine Jahreszeit, in der die Dunkelheit kaum Fuß fasst. Selbst im Süden ziehen sich die Abende tief in die Nacht; weiter nördlich, jenseits des Polarkreises, bleibt die Sonne möglicherweise überhaupt über dem Horizont. In dieser außergewöhnlichen jährlichen Ausweitung des Tageslichts hat Mittsommer – Midsommar – seinen besonderen Platz in der schwedischen Kultur gefunden.

Die vertrauten Elemente wirken trügerisch einfach: Birkenlaub und Wildblumen, eine mit Grün geschmückte Stange, Kreistänze, Hering und Frühkartoffeln, Erdbeeren sowie Treffen mit Freunden und Familie. Doch der schwedische Mittsommer ist keine vollständig bewahrte heidnische Zeremonie, die seit der Antike unverändert überliefert wurde. Seine Geschichte ist weitaus interessanter. Christliche Bräuche, europäische saisonale Traditionen, der landwirtschaftliche Kalender, der Volksglaube, die Neuerfindung im 19. Jahrhundert und die Populärkultur des 20. Jahrhunderts haben allesamt zum heutigen Fest beigetragen.

Tatsächlich gehört es zu den aufschlussreichsten Aspekten des Mittsommers, wie erfolgreich Schweden eine sich ständig wandelnde Tradition in etwas verwandelt hat, das zeitlos wirkt.

Zwischen Sonnenwende und Johannistag

Der Mittsommer liegt nahe der Sommersonnenwende, dem astronomischen Zeitpunkt, an dem die Nordhalbkugel den längsten Tag erlebt. Das schwedische Fest sollte jedoch nicht einfach als uralte Feier der Sonnenwende beschrieben werden.

Sein historisch belegter Rahmen ist eng mit Johannes dem Täufer verbunden, dessen Gedenktag auf den 24. Juni fällt. Im mittelalterlichen christlichen Europa wurde der Johannistag mit jahreszeitlichen Feiern rund um den Beginn des Sommers verbunden. Schweden war Teil dieser gesamteuropäischen nordeuropäischen Kulturwelt.

Die genaue Ausgestaltung noch früherer skandinavischer Mittsommerbräuche lässt sich weit schwerer feststellen. Behauptungen, die modernen Mittsommerrituale seien unmittelbare Überreste eines bestimmten vorchristlichen Wikingerfestes, gehen über das hinaus, was die historischen Belege zuverlässig zeigen. Die schwedische Museumsforschung weist ausdrücklich darauf hin, dass nicht bekannt ist, ob es im vorchristlichen Schweden ein entsprechend weit verbreitetes Fest gab, wie es später als Mittsommer gefeiert wurde.

Diese Ungewissheit ist bedeutsam. Der Mittsommer enthält zweifellos Themen – Vegetation, Fruchtbarkeit im landwirtschaftlichen Sinn, den Wechsel der Jahreszeit und die besondere Kraft, die bestimmten Zeitpunkten des Jahres zugeschrieben wurde –, die gut in ältere europäische Volkstraditionen passen. Doch Ähnlichkeit ist kein Beleg für eine ununterbrochene rituelle Abstammung.

Belegen lässt sich vielmehr ein langer Prozess kultureller Überlagerung.

Warum der Mittsommer im Kalender wandert

Jahrhundertelang blieb das Fest enger an das Datum des Johannistags gebunden. Bis 1952 fiel der Mittsommerabend fest auf den 23. Juni.

1953 änderte Schweden das System, damit das Hauptfest bequemer in die Arbeitswoche passte. Heute findet der Mittsommerabend am Freitag zwischen dem 19. und 25. Juni statt, der Mittsommertag am darauffolgenden Samstag.

Im Jahr 2026 fiel der Mittsommerabend auf den 19. Juni und der Mittsommertag auf den 20. Juni.

Diese Regelung zeigt etwas Typisches an Traditionen: Selbst Bräuche, die als zutiefst historisch wahrgenommen werden, können überraschend junge Anpassungen enthalten.

Die Mittsommerstange

Nichts kennzeichnet den schwedischen Mittsommer so unmittelbar wie die Midsommarstång, eine hohe, mit Blättern und Grün bedeckte Stange, die typischerweise ein Querholz und herabhängende Kränze umfasst.

Auch sie ist von Mythen umgeben.

Die Stange wird manchmal als uraltes skandinavisches Fruchtbarkeitssymbol oder genauer als Phallussymbol beschrieben. Die dokumentarischen Belege stützen diese verbreitete Erklärung nicht. Das Nordiska museet in Schweden weist auf Grundlage umfangreicher historischer Sammlungen die Behauptung zurück, die Stange sei traditionell als Phallus verstanden worden.

Ihre tatsächliche Geschichte weist vielmehr auf die breitere europäische Tradition geschmückter saisonaler Stangen hin.

Der Brauch gelangte wahrscheinlich im Mittelalter aus dem deutschen Kulturraum nach Schweden. Seine Form veränderte sich im Laufe der Zeit. Frühere Stangen sahen nicht unbedingt wie die vertraute moderne Version aus; die grüne, kreuzförmige Stange mit Kränzen setzte sich erst deutlich später durch, besonders ab dem frühen 19. Jahrhundert.

Ein älterer schwedischer Name, majstång, kann ebenfalls für Verwirrung sorgen. Maj bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass die Schweden ein Maifest irgendwie in den Juni verlegt hätten. Das Wort bezieht sich auf maja – etwas mit Blättern und Grün schmücken.

Die Vegetation selbst hatte in einer Agrargesellschaft eine tiefgreifende Bedeutung. Die üppige Landschaft stand für die Wachstumsperiode, von der Ernten, Viehhaltung und letztlich das Überleben der Menschen abhingen.

Tanzen um die Stange

Sobald die Mittsommerstange aufgestellt ist, bilden die Menschen Kreise um sie.

Die Tänze sind bewusst leicht zugänglich. Kinder machen neben Erwachsenen mit, und zu den Liedern gehören oft Gesten und einfache Bewegungen. Die Stimmung unterscheidet sich deutlich von einer feierlichen historischen Nachstellung: Der Mittsommer lebt gerade deshalb fort, weil die Menschen ihn weiterhin anpassen und genießen.

Der berühmteste Tanz zu einem Lied ist „Små grodorna“ – „Die kleinen Frösche“. Die Teilnehmenden ahmen Frösche nach, während sie um die Stange kreisen.

Seine Herkunft ist überraschend international. Die Melodie steht mit einem französischen Lied in Verbindung, das später von britischen Soldaten genutzt wurde, um die Franzosen während der napoleonischen Zeit zu verspotten. Schließlich gelangte sie in die schwedische populäre Liedkultur, und der Froschtanz wurde im 20. Jahrhundert mit dem Mittsommer verbunden.

Organisiertes Singen und Tanzen um die Stange verbreitete sich besonders ab den 1920er-Jahren, als Liederbücher das mit schwedischen Feiern verbundene Repertoire vereinheitlichten.

Damit ist eines der Rituale, die ausgesprochen typisch und uralt schwedisch wirken können, tatsächlich ein hervorragendes Beispiel für den kulturellen Austausch in Europa.

Eine im 19. Jahrhundert neu geformte Tradition

Der heute in Schweden gefeierte Mittsommer verdankt dem 19. Jahrhundert viel.

Es gibt dokumentarische Belege für schwedische Mittsommerfeiern seit dem 16. Jahrhundert, und in der alten Agrargesellschaft bestanden zweifellos bereits Traditionen. Doch die erkennbare moderne Feier – mit einer grünen, kreuzförmigen Stange und organisiertem gemeinschaftlichem Tanzen – entwickelte sich besonders ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Das aufstrebende Bürgertum spielte bei ihrer Gestaltung eine wichtige Rolle.

Diese Zeit fiel mit einem wachsenden Interesse an ländlicher Kultur, Folklore und nationaler Identität in ganz Europa zusammen. Später, als Schweden industrialisiert und verstädtert wurde, gewann das Land zusätzlich an symbolischer Bedeutung. Der Mittsommer beschwor zunehmend ein idealisiertes ländliches Schweden mit Wiesen, Höfen, Sommerhäusern, Blumen und gemeinschaftlichem Feiern.

Diese Verbindung ist bis heute stark.

Der Mittsommer nimmt daher eine ungewöhnliche Stellung zwischen Volkstradition und moderner Nationalkultur ein. Er wirkt ländlich, selbst auf Menschen, deren Alltag vollständig städtisch geprägt ist.

Die magische Mittsommernacht

Hinter dem fröhlichen zeitgenössischen Fest verbirgt sich eine deutlich fremdartigere Welt.

In der alten schwedischen bäuerlichen Gesellschaft galt die Mittsommernacht als ein Zeitpunkt, an dem übernatürliche Kräfte besonders aktiv waren. Pflanzen, Gewässer und bestimmte Orte konnten als von gesteigerter Macht erfüllt gelten. Die Grenze zwischen gewöhnlicher Erfahrung und dem Übernatürlichen schien weniger sicher.

Solche Vorstellungen waren nicht bloß schmückende Folklore. Sie spiegelten die praktischen Unwägbarkeiten des bäuerlichen Lebens wider.

Die Ehe war wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtig. Krankheiten konnten verheerend sein. Eine misslungene Ernte bedrohte das Überleben. Ohne moderne Medizin, Meteorologie oder Agrarwissenschaft boten Rituale und Wahrsagung Möglichkeiten, eine unberechenbare Welt zu deuten und psychologisch mit ihr umzugehen.

Der Mittsommer wurde daher mit Versuchen verbunden, die Zukunft zu erfahren: Wer würde heiraten? Wer könnte sterben? Würde die Ernte gedeihen?

Heilige oder anderweitig bedeutende Quellen konnten besucht, geschmückt und für Rituale genutzt werden. Dem Wasser bestimmter Quellen wurde am Mittsommer bisweilen außergewöhnliche Kraft zugeschrieben.

Die Natur war nicht bloß Kulisse des Festes. In älteren Glaubenssystemen konnte sie aktiv daran teilnehmen.

Sieben Blumen unter dem Kopfkissen

Ein Brauch hat sich in der Vorstellungswelt besonders gut erhalten.

Wer etwas über eine zukünftige Ehepartnerin oder einen zukünftigen Ehepartner erfahren möchte, soll in der Mittsommernacht sieben verschiedene Blumen sammeln und unter das Kopfkissen legen – in der Hoffnung, dass die künftige Person im Traum erscheint.

Historische Varianten unterschieden sich. Folklore verhält sich selten wie ein standardisiertes Regelwerk, und Einzelheiten konnten je nach Region und Gemeinschaft variieren. In unterschiedlichen Traditionen finden sich Vorstellungen von Schweigen, dem Überschreiten von Grenzen und anderen rituellen Bedingungen.

Heute ist meist die romantisierte Version erhalten: sieben Blumen und ein Traum.

Ihr Fortbestehen ist aufschlussreich. Eine einst in eine Welt der Weissagung eingebettete Praxis ist zu spielerischer Folklore geworden und bewahrt dennoch etwas von dem Geheimnis, das der lichtvollen Mittsommernacht anhaftet.

Blumen, Blätter und die nordische Landschaft

Die Bedeutung von Pflanzen im gesamten Mittsommerfest ist mehr als bloße Verzierung.

Blumenkränze werden auf dem Kopf getragen. Häuser, Versammlungsorte und Stangen können mit Grün geschmückt werden. Birkenlaub war traditionell bei der saisonalen Dekoration besonders wichtig.

In einer Agrargesellschaft bedeutete der Pflanzenreichtum rund um den Mittsommer etwas materiell Bedeutsames: Das Wachstum des Jahres war im Gang.

Das moderne Schweden begegnet diesen Pflanzen anders. Die meisten Menschen sind für ihr Überleben nicht mehr unmittelbar auf die umliegenden Felder angewiesen, doch der Mittsommer bewahrt die Symbolik einer Landschaft von höchster Lebenskraft.

Diese Beziehung zwischen Fest und Umwelt ist ein Grund dafür, warum sich der Mittsommer außerhalb Nordeuropas nur unvollkommen übertragen lässt. Das Fest gehört nicht nur zu einem Datum, sondern zu einer bestimmten jahreszeitlichen Erfahrung in einer bestimmten geografischen Breite.

Die Mittsommertafel

Das Essen bildet eine weitere Verbindung zwischen dem historischen Schweden und dem modernen Fest, auch wenn das heutige Menü selbst das Ergebnis eines Wandels ist.

Zu einem traditionellen Mittsommersmahl gehören häufig eingelegter Hering und Frühkartoffeln, oft begleitet von saurer Sahne und Schnittlauch. Andere Gerichte unterscheiden sich je nach Haushalt und Feier.

Dann kommen die Erdbeeren.

Schwedische Erdbeeren sind besonders eng mit dem Mittsommer verbunden und werden oft einfach mit Sahne serviert oder in Kuchen und Desserts verarbeitet. Ihr saisonales Erscheinen passt zur umfassenderen Feier des Überflusses im Frühsommer.

Die scheinbar traditionelle Frühkartoffel zeigt, wie sich Essgewohnheiten entwickeln. Früher hätte es für viele ländliche Haushalte verschwenderisch gewirkt, unreife Kartoffeln zu essen, weil eine frühe Ernte einen Teil des späteren Ertrags opferte. Frühkartoffeln etablierten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst auf wohlhabenderen Tafeln, bevor sie Teil der allgemeinen Mittsommertradition wurden.

Zum Essen können alkoholische Getränke gereicht werden, insbesondere Bier und Schnaps, oft zusammen mit kurzen Trinkliedern. Alkohol ist jedoch keine Voraussetzung für den Mittsommer, und die heutigen Feiern reichen von großen Partys bis zu ruhigen Familientreffen und alkoholfreien Veranstaltungen in der Gemeinschaft.

Landschaft, Inseln und Sommerhäuser

Obwohl der Mittsommer überall gefeiert werden kann, weist seine kulturelle Vorstellungswelt beharrlich weg von der Stadt.

Viele Menschen verbringen das Fest in Sommerhäusern, Dörfern, auf Inseln oder in ländlichen Gemeinschaften. Öffentliche Feiern drehen sich häufig um das Aufstellen der Stange und gemeinsames Tanzen.

Diese ländliche Ausrichtung hat historische Wurzeln, spiegelt aber auch den Wandel Schwedens im 19. und 20. Jahrhundert wider. Als Menschen ihre landwirtschaftliche Lebensweise aufgaben, blieben die Verbindungen zum Land durch Verwandte, geerbten Besitz und schließlich die weit verbreitete Sommerhauskultur bestehen.

Der Mittsommer wurde zu einem der Zeitpunkte, an denen diese Beziehungen erneuert werden konnten.

Das Ergebnis ist eine faszinierende Umkehrung. Ein Fest, das teilweise aus der Agrargesellschaft übernommen wurde, wurde symbolisch noch ländlicher, nachdem Schweden aufgehört hatte, überwiegend landwirtschaftlich geprägt zu sein.

Nicht nur ein nordischer Mittsommer

Der Mittsommer gehört zu einer größeren nordeuropäischen Familie saisonaler Feiern, doch die Nachbarländer haben eigene Traditionen entwickelt.

In Finnland zählt der Mittsommer – Juhannus – ebenfalls zu den wichtigsten Festen des Jahres. Sauna, Lagerfeuer, Sommerhäuser, Frühkartoffeln, Hering und Erdbeeren sind eng mit dem Fest verbunden. Mittsommerstangen gibt es besonders in schwedischsprachigen Gebieten wie Åland, sie sind jedoch weniger allgemein charakteristisch als in Schweden.

In Dänemark und Norwegen bleibt die Verbindung mit Johannes dem Täufer im Namen Sankt Hans ausdrücklich erhalten. Besonders typisch sind dort Lagerfeuer.

Historisch gab es Mittsommerfeuer auch in Teilen Schwedens, insbesondere im Westen des Landes. Das zeigt, dass moderne Staatsgrenzen ältere kulturelle Praktiken nicht sauber voneinander trennen.

Die nordische Mittsommerlandschaft lässt sich daher besser als Netzwerk verwandter Traditionen verstehen denn als ein einziger Brauch, der ausschließlich zu einer Nation gehört.

Schwedens inoffizielles Nationalfest?

Schweden hat bereits einen offiziellen Nationalfeiertag am 6. Juni, doch der Mittsommer nimmt möglicherweise einen anderen und ungewöhnlich persönlichen kulturellen Raum ein.

Seine Kraft hängt nicht in erster Linie vom Staat, von politischer Geschichte oder einer formellen Zeremonie ab. Stattdessen verbindet er wiederkehrende Elemente schwedischer kultureller Identität: saisonales Licht, den Zugang zur Landschaft, Blumen und Grün, gemeinsames Singen, bestimmte Speisen, Sommerferien und die anhaltende kulturelle Erinnerung an das bäuerliche Leben.

Das macht den Mittsommer nicht zu einem unberührten Relikt eines uralten Schweden.

Ganz im Gegenteil.

Sein christlicher Kalenderrahmen, wahrscheinliche kontinentale Einflüsse, die sich wandelnde Stange, die Neuerfindung im 19. Jahrhundert, die Lieder des 20. Jahrhunderts und die veränderten Essgewohnheiten zeigen, wie umfassend er geschaffen und immer wieder neu gestaltet wurde.

Darin liegt seine tiefere Bedeutung.

Der Mittsommer lebt nicht fort, weil die Schweden seit Tausenden von Jahren exakt dieselbe Zeremonie vollziehen, sondern weil aufeinanderfolgende Generationen immer wieder eine neue Bedeutung darin gefunden haben, sich ungefähr am selben Punkt des nordischen Jahres zu versammeln – wenn die Vegetation üppig ist, die Abende außergewöhnlich lang sind und die jahreszeitliche Landschaft selbst darauf zu bestehen scheint, dass der Sommer endlich angekommen ist.

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